Einige Überlegungen zu meiner Arbeit  some thoughts on my work

2008

Die Überlegungen zum Abstrakten haben mich wieder zum Figurativen zurückkommen lassen.

Das ist eigentlich ganz einfach, auch wenn es wie ein Widerspruch aussieht. Ich habe das Abstrakte erfasst als Ausdruck eines Phänomens, welches ich "existentielle Konstanten" nenne, als eine visuelle Formulierung, die in der Lage ist, allgemein menschliche Grundtatsachen zum Ausdruck zu bringen. 'Fläche' als Ausdruck des Handlungsfeldes, welches jedem Menschen zu jeder Zeit in einer ganz bestimmten Weise zur Verfügung steht ("das Abstrakte ist immer konkret"), oder 'senkrecht' als grundsätzlich menschliche Erfahrung des Stehens. (siehe "Zeichenkritische Theorie")

Dagegen habe ich das "Ungegenständliche" als das definiert, was häufig als das "Abstrakte" angesehen wird, also der Verzicht auf jedes motivliche Element. Das Ungegenständliche hat den Charakter des Adjektivischen, es zeigt Eigenschaften auf (das "Runde", das "Kontrastierende") oder es verweist auf Befindlichekeiten ("Spur", Informell).

 

2002:

Ich habe mich seit etlichen Jahren in meiner Arbeit vom grotesk-Figurativen hin entwickelt zu einer sehr reduzierten ungegenständlichen Arbeitsweise. Thema und bildnerischer Schwerpunkt ist dabei die Untersuchung der Zusammenhänge von abstrakten bildnerischen Ausdruckswerten und anthropologischen Grundbefindlichkeiten. Die Ergebnisse davon werden sichtbar in dreierlei Hinsicht: meine eigene bildnerische Praxis, die Vermittlungs- und Überprüfungsversuche in Theorie und Praxis im Rahmen meiner diversen Dozenten- und Lehrertätigkeiten, und im Versuch, die theoretischen Grundlagen dieses Ansinnens zu formulieren und den entsprechenden Rahmen dafür zu finden. (z. B. mehrfache Gastdozentur an der Kunstakademie in Arhus, Dänemark.)

Schwerpunkt dabei bleibt meine künstlerische Arbeit. Ich versuche damit das "Abstrakte" aus dem Feld des "Unverständlichen" herauszulösen und Wege zu finden, das, was allgemein menschliche Erlebnisfähigkeit bedeutet, in meinen Werken sichtbar zu machen. Es ist ein wenig Grundlagenforschung auf dem Gebiet des Bildnerischen, in der Absicht, nicht zu der unermesslichen Bilderflut unreflektiert beizutragen, sondern einen Weg zu finden, wie die Sprache des Bildes ohne Zynismen und Aggressionen neue Wege finden kann. Die Idee hat mich immer erschreckt, dass jeden Abend allein in Bremen so etwa 500 neue Bilder von den Bremer Künstlern fertig werden. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wenn man das hochrechnet auf Deutschland, auf Europa, kommen da Unmengen an gemalter, installierter, gedruckter und gezeichneter Bilder zusammen, die ebenso viele Hoffnungen, Leidenschaften, auch vielfach übersteigerte Selbstvorstellungen repräsentieren, denen ich nicht unbedingt folgen muss. (Deswegen habe ich z.B. 10 Jahre lang nicht gemalt.)

Dann gibt es die Tendenz, die behauptet, heute geschehe alles mit den neuen Medien, mit Video, mit dem Computer. Das kommt mir so vor, wie wenn man zur Zeit der Erfindung des Buchdruckes gesagt hätte, heute dürfe man nur noch hoch drucken, alle andere Kunst sei überflüssig... Und dann ist da noch die Postmoderne. Meint, Aussagen könne man nur noch bezüglich der Kultur selbst formulieren; Nicht mehr die Existenz des einzelnen Menschen stehe im Vordergrund, sondern die immerfort wiederkehrende Inszenierung einer bereits kulturell inszenierten Wirklichkeit. Ist für mich Anschluss an die Historienmalerei mit anderen Mitteln. Und für virtuelle Welten braucht man keinen Computer, da reicht es, wenn man sich den Höllensturz von Rubens anschaut, oder ein Bild von Hieronymus Bosch. Mein Weg ist der, dass ich in einer fast penetranten Naivität diesen Trends allen nicht folgen will, weil sie nicht das repräsentieren, wohin meine Leidenschaft geht. Ich bin nach wie vor einer der fragt, was die Grundlagen unserer menschlichen Existenz sind, und was jenseits aller menschlichen Kultur unsere eigentliche menschliche Natur ist. Ist trivial, ich weiß... Aber Sie wollten etwas mehr über meine Bilder wissen....

Ich bin über sehr persönliche, und dennoch verallgemeinerbare Aussagen, die sich gekleidet haben in groteske Ironismen zu allzu menschlichen Situationen (mit einer gewissen Nähe zu Surrealismus und phantastischem Realismus), zu einer ganz eigenartigen Frage gekommen: Was ist das "Abstrakte"? Gut, wir kennen abstrakte Kunst. Ungegenständlich nennt man sie auch. Oder "konkret", oder "informell". und noch -zig weitere Bezeichnungen stehen da parat. Man behauptet, es handle sich dabei um die allgemeinsten Begriffe, um das Reich der Philosophie - kurz, für den normalen Erdenbürger viel zu schwer zu verstehen. Das Abstrakte ist schlicht zu abstrakt. 

Aber da gibt es die Beobachtung, dass es auf einem Bild immer wieder dieselben Elemente erscheinen: Es gibt ein Format, eine Fläche, Pigmente, Linien, Flächen, Farben, Kontraste, Richtungen, Schwünge, Proportionen, Beziehungen, Verknüpfungen, Verknotungen, Anhäufungen, Wechsel, Wiederholungen, Hell und Dunkel, klar und trüb, verschwimmend und präzise. Dieses alles und noch viel mehr gibt es tatsächlich auf Bildern. Was es mit Sicherheit nicht auf Bilder gibt sind: Blumen, Helden, Gebäude, hübsche Frauen. Es gibt also (abstrakte) Dinge, die gehören zu einem Bild, wie die Haut zum Menschen, wie das Atmen, wie Tag und Nacht, wie der Rhythmus des Herzschlages, wie Hunger und Durst, wie die Liebe, wie Geburt und Sterben. 

Und es gehört noch viel mehr zur selbstverständlichen (abstrakten) Grundausstattung des Menschseins. Es ist das, worüber man gar nicht reden muss, da es jeder kennt, der Eskimo genauso gut wie der Bremer. Und es ist solange völlig selbstverständlich, solange es nicht in Frage gestellt wird durch irgendwelche weiteren Einflüsse, die auch zur Grundausstattung gehören. Dass man stehen kann wird einem erst bewusst, wenn die Knie wackelig werden, dass man gesund ist, wird einem erst klar, wenn die Krankheit an einem zu nagen beginnt. Das Abstrakte wird immer erst in der Konkretion bewusst. 

Unsere gegenwärtige Zeit hat die Tendenz, dieses (abstrakte) Grundgerüst des Menschlichen zu vergessen. Es wird ersetzt durch ein kulturelles Korsett. Die Massenmedien liefern dazu die Vorbilder, nicht mehr das eigene Erleben. Man will das Abstrakte - also das selbstverständliche existentielle Kontinuum (und damit auch das die Menschen Verbindende) - gar nicht mehr wahrnehmen, unsere Zeit tendiert dazu, die Anschauung des Wesentlichen durch die Fülle der Adventures, der Kitzel, der Beliebigkeiten, der Modegags zu überlagern, Und je mehr man sich diesem Taumel hingibt, umso weniger ist man noch in der Lage, dieses ganz Einfache, dieses ganz Klare, dieses Selbstverständliche abstrakter Wesentlichkeit zu erfassen. (Nützt letztlich denen, die Macht in egoistischer Weise benutzen wollen.) 

Nur das Konkrete ist verurteilt zur flüchtigen Beliebigkeit, nur das Abstrakte ist verurteilt zur Unanschaulichkeit, zur Begriffslosigkeit. 

Das Bild ist ein fabelhaftes Medium. Es ist immer konkret in der jeweiligen Gestalt, in der es vor einem liegt, es kann nie so unfassbar sein, wie z.B. ein "abstrakter Begriff". Um das Abstrakte sinnlich wahrnehmbar zu machen, eignet sich also ein Bild in bester Weise. Deshalb male ich abstrakte Bilder. Sie sind so leise, dass man sie anschauen muss, um zu erfahren, um was es dabei geht, sie sind so charmant, dass sie einen, um des Augenblicks willen, in ihren Bann ziehen, aber sie sind eben auch so konkret, dass die Phantasie einen trägt. 

In jedem guten Bild ist das Abstrakte sichtbar, und wenn es nicht sichtbar ist, dann ist das Bild höchstens in der Lage, Vorurteile zu wecken. Also konkret: Ich beschäftige mich z.B. mit der Senkrechten. Ein recht banales Thema. Die Senkrechte ist grundsätzlicher Bestandteil eines jeden Bildes, was man schon daran sieht, dass es sonst schief hängt. Die Senkrechte ist aber auch grundsätzliche existentielle Konstante des Menschseins. Die Kraft gegen die Anziehungskraft erfordert die Senkrechte im Stehen, im Bauen, im Wachsen. Wir wissen, was das ist, die Senkrechte. Und deswegen ist sie eines meiner Themen in meinen Bildern. Wie dieser Bezug zur Schwerkraft konkret wird im jeweiligen Moment, wie das Bild dies dann ausdrückt, kann völlig verschieden sein. Man kann ebenso gut aufrecht sitzen, wie "das Gleichgewicht verlieren", Man kann fallen oder torkeln. Immer irgendein konkreter Bezug zur Anziehungskraft. Die Senkrechte im Bild zeigt dies in einer immateriellen Form: das Oben und Unten, das nach oben sich Streckende, das vermeintlich Schwere wird erfahrbar im Abstrakten des Bildes. 

Ich arbeite in "Mischtechnik". Das ist sozusagen die Vielfalt der Kulturen. Da sitzt Bleistift neben Acryl, Pastell neben Buntstift oder Kreide. Und alles sitzt zusammen und schwatzt angeregt miteinander, stimmig und passend wie in einem Hafencafe am Mittelmeer. Kein Purismus, Nichts Dogmatisches. Leicht. Und deswegen verzichte ich auf die Schwere von Öl. Das Bild hängt an der Wand, es ist eine Papierfläche, also eine Projektionsfläche für Gedankengut. Manchmal ist es auch eine Leinwand, eignet sich ja auch als Projektionsfläche wie man weiß. 

Das Bild repräsentiert eine bestimmte Form von Denken und nicht die Wirklichkeit. Es spiegelt nicht die Wirklichkeit wieder, es spiegelt unsere Haltung zur Wirklichkeit wieder. Es hilft uns, unser Denken zu schärfen bezüglich der Wirklichkeit. Die Senkrechte auf dem Bild ist das Modell einer möglichen Konkretion einer realen Senkrechten. Ich kann durch das Bild erleben, wie ich mich erleben kann als Sitzender, als fest Dastehender, als mich Anlehnender. Oder ich kann das Bild einfach so ästhetisch genießen, hänge es vielleicht an die Wand, und merke dabei gar nicht, wie es so ganz nebenbei seine Wirkung entfaltet. Eine Wirkung, die meist Jahre anhält. Man gewinnt Bilder lieb.... So ähnlich verstehe ich meine Bilder.

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