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Peter Dahl

Hans Koschnik

 

 

 

Für die Theorie ein ungeeigneter Künstler

..... Die Erkenntnis, dass ein Maler für haargenau die Bilder bezahlt wird, die er nicht malt, ist das zentrale Moment zum Verständnis der Tatsache, wie wichtig die Betrachtung nicht vorhandener Werke in der Kunstgeschichte ist.

Der Existenz von Kunstwerken steht an erster Stelle das Bedürfnis des Künstlers entgegen, zu existieren. Zur Verhinderung seiner Bilder hat Rothermel den Beruf des Kunsterziehers gewählt, den er seit zehn Jahren als Möglichkeit nutzt, Erfahrungen im Sehen von Bildern zu vermitteln und gleichzeitig das Entstehen einer eigenen Bildwelt zu verzögern - beziehungsweise gegen diese Verzögerung anzuarbeiten. Dabei steht der Beruf des Kunstlehrers nicht nur für die Verhinderung von Bildern durch den Erwerb des Lebensunterhalts, sondern - wegen der alltäglichen Gegenwart von Didaktik, Pädagogik, Theorie und Vermittlung - auch für die Verhinderung von Bildern durch Nachdenken.

Falls Sie beim Anschauen der ,,ungeeigneten Bilder" einen gegenteiligen Eindruck gewinnen sollten, dann deshalb, weil Rothermel für diese Theorie ein ungeeigneter Künstler ist.

Nicht nur das Betrachten von Bildern verhindert das Entstehen von Bildern, sondern auch die Betrachtung der Wirklichkeit. Als in den Jahren nach ,68 die Wirklichkeit auch in die Welt der Bilder und der Bildermacher einbrach - Rothermel studierte und lebte in Stuttgart, München und Brüssel - da reagierte die Bilderwelt mit selbst auferlegter Verweigerung: Das handgewerkelte Bild erschien fortan obsolet. Rothermel wich aus ins Filmemachen; bis sich die Erkenntnis aufdrängte von der Behinderung der eigenen Produktivität durch die industrielle und kapitalgebundene Produktionsweise des Films. Heimlich für die Schublade arbeiteten damals alle; wer aber das obligate Malverbot zwar proklamierte, aber für sich selbst nicht gelten ließ, ermalte sich damals seinen heutigen Vorsprung auf dem Kunstmarkt.

So hätte eine Biographie also nicht nur die akrobatische Leistung des Wiederanfangs und Aufholens zu sehen, sondern auch die Darstellung dessen zu sein, was einer nicht gemacht hat. Zu beschreiben wären etwa die verhinderten großformatigen Öl- und Acrylbilder, im Vergleich zu dem, was im Katalog (und in den Ausstellungen) zu sehen ist: in der dem Berufsalltag und dem privaten Alltag gestohlenen Zeit mit schnellen Techniken verfertigte Arbeiten, die gegenüber den vorgestellten und verhinderten den Vorzug der Lebendigkeit haben und geprägt sind von der damals gelernten Entwicklung von Überzeugungen und Konzepten.

..... Gegen die Verhinderung von Bildern durch die Anwesenheit von Umwelt - und da ist das stärkste Moment Rothermels Wohnort Bremen - hat er innovativ angearbeitet: Gegen die zweifellos vorhandene Bilderfeindlichkeit der Freien und Hansestadt, die sich gern mit Kultur schmückt ohne etwas dafür zu tun oder gar auszugeben, und in der unter Künstlern gilt, dass aus der Stadt hinaus muss, wer etwas werden will - gegen diese geizige Bilderfeindlichkeit organisierte Rothermel stadtweit den ,,Kunstfrühling ,85", zum Beweis, dass zwar der Bremer Kunstmarkt, nicht aber die Bremer Kunst so provinziell ist, wie der Ruf, der ihnen vorausgeht.

Womit wir bei der Verhinderung von Bildern durch den Markt wären (was sich darein begibt, kommt darin um) und damit bei der wesentlichen Verhinderung von Bildern; nämlich durch die Betrachter, Käufer, Rezipienten. Theoretisch: Jedes Bild an einer Wohnzimmer- oder Museumswand blockiert den Platz für ein anderes, neues; und die alltägliche Bilderflut gewöhnt uns das Sehen ab. ....

 

Peter Dahl, Vorwort zum Katalog Tilman Rothermel "....", 1986 für die Ausstellung in Bonn, Parlamentarische Gesellschaft. 

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Zum Geleit 

Abstrakter Kunst begegnen Museumsbesucher häufig eher zurückhaltend. Sie bietet uns selten Themen, die leicht erfassbar sind: keine schönen Gesichter, keine reizenden Blumen, keine lieblichen Landschaften. Wir sehen Flächen und Umrisse, Farben und Linien. Unsere eigene Vorstellungskraft ist bei der Betrachtung solcher Werke gefragt. In seiner abstrakten Sprache teilt uns der Bremer Künstler Tilman Rothermel seine Überlegungen, seine Empfindungen mit. So beschäftigt er sich z.B. mit der Senkrechten als Gegenkraft zur Anziehungskraft der Erde. Diese erfordert die Senkrechte im Stehen, im Wachsen, im Emporstreben. Die Senkrechte im Bild soll den Bezug zur Schwerkraft sichtbar machen, so wie er in einem jeweiligen Moment konkret werden kann, und wie wir es auch erleben. Man kann ebenso gut gerade sitzen oder das Gleichgewicht verlieren, man kann fallen oder torkeln. Wir kennen die Senkrechte. Wir brauchen sie zum aufrechten Gang. Konkret und auch abstrakt. Ein Künstler, der abstrakt arbeitet, kann dennoch ganz konkrete Dinge meinen. Zum Beispiel die Vielfalt der Mittel. Tilman Rothermel arbeitet in Mischtechnik. Er benutzt kunterbunt Graphit neben Temperafarben, Pastellkreiden neben Buntstift oder Kohle. Alles sitzt zusammen, stimmig und passend, sich gegenseitig beeinflussend, tolerant, ohne Purismus, ohne Dogma eine Vielfalt künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten. Diese Ausstellung will Akzente setzen. Sie ist wichtig in diesem Hause, welches sich zu einer seiner Aufgaben gestellt hat, seine Exponate in dem Gesamtbild einer modernen Kultur zu zeigen. Dazu gehört in einem Museum, das technische Gegenstände präsentiert, in erster Linie das Design und die Form. Und abstrakte Kunst hat mehr als vieles andere die Formgebungen moderner Gebrauchsgüter beeinflusst. Aber diese Ausstellung ist noch wichtig in einer anderen Weise: Jahrhunderte lang beeinflussten sich die tschechische und die deutschen Kultur gegenseitig. Das Ergebnis war ein einmaliges intellektuelles Erbe, das in diesem Jahrhundert zunichte gemacht wurde. Es gilt also wieder anzuknüpfen. Im Europa von heute brauchen wir konkrete Schritte zur Verwirklichung des abstrakten Wunsches nach friedlichem, fruchtbarem Zusammensein. In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung von Tilman Rothermel im Technischen Nationalmuseum in Prag der ersten Ausstellung eines westdeutschen Malers in diesem Räumen viel Erfolg. 

Bremen, im Juni 1998 Hans Koschnick

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Hans Koschnick, Vorwort zum Katalog Tilman Rothermel "konkret-abstrakt", 1998 für die Ausstellung in Bonn, Parlamentarische Gesellschaft. 

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